Über 10 Jahre war es nun her, dass Ostendorf als Sänger und Gitarrist mit „The Prime of Life“ auf der Bühne stand. Während befreundete Musiker mit anderen Bands erfolgreich ihre Passion ausleben konnten, war er auf der Strecke geblieben. So zum Beispiel Gorissen und Berger, die 2003 ein gemeinsames Projekt zusammen mit Bergers damaliger Band Brockman hatten. Die Band produzierte im Rahmen der VW Soundfoundation einen Song im renommierten Studio 301 in Köln, wo bereits Whitney Housten ihre Songs einträllerte. Produzent war kein Geringerer als Scorpions-Gitarrero Matthias Jabs. Berger und Gorissen hatten für den Song alle Gesangsparts aufgenommen. Aber Ostendorf? Keine Band. Kein Gig. Kein Applaus. In solchen Extremsituationen flüchtet der Mensch gerne in den Alkoholismus.

So auch Ostendorf, der ab sofort regelmäßig einen Irish Pub besuchte, um seinem neuen Ersatzhobby zu fröhnen. Hier gab es Live-Musik, Lager Pints und Lagavulin. Ostendorf liebte Lagavulin. Er erinnerte ihn an den Ort auf der schottischen Insel, den er immer als seine wirkliche Heimat bezeichnete. In Wirklichkeit fuhr er aber nur dorthin, um Urlaub zu machen. Er wusste auch nicht, ob er ihn mehr wegen seines Geschmacks, oder wegen seiner Herkunft liebte. Fakt war, dass er ihn soff, und das ordentlich.

Auch an dem schicksalhaften Abend, an dem Ostendorf urplötzlich seinen Kopf vom Tresen erhob und die Wirtin anlallte. Nach mehrfacher Nachfrage der Wirtin wurde irgendwann deutlich, was Ostendorf zu sagen versuchte. Er behauptete, den italienischen Fatzke, der heute für das musikalische Rahmenprogramm gesorgt hatte, locker in die Tasche stecken zu können. Die Wirtin fragte höflich, ob Ostendorf denn noch alle Tassen im Schrank habe und begann, Kasse zu machen. Doch Ostendorf ließ nicht locker sondern erhöhte nur seine Lautstärke, bis an seiner Schläfe die Anstrengungsvenen ihren Verlauf zeigten. 

Er war klar der Ansicht, dass der irische Puff längst mal einen anständigen Musiker gebrauchen könnte. Doch auch die Wirtin wurde deutlicher: „Was? Du willst hier Musik machen? Wie willst du das anstellen, du versoffener Heini? Du kriegst wahrscheinlich nicht einen geraden Ton zustande! Hast du überhaupt eine Band?“

Das hatte gesessen! Ostendorf stand auf, wankte einen Schritt zurück und zauberte augenblicklich den themenrelevanten Hit „Flower of Scotland“ aus seinem Gedächtnisrepertoire. Seine massiven Lungenflügel schoben die Zeilen mit ohrenbetäubenden 120 db durch den Laden. Alles fing an zu wackeln. Die Wirtin musste sich am Tresen festhalten, als sie die Druckwelle erreichte.

Noch in der Schockstarre kramte die Wirtin plötzlich ihren Kalender hervor und gab Ostendorf zu verstehen, dass er in 8 Wochen kommen solle. Da wäre noch ein Termin frei. Er deutete mit seinem Finger auf die Wirtin und lallte: „Bischinachtwochen‘nn!“

Er hatte wieder viel zu viel gesoffen und sein Blick sah aus wie das Stieren eines Wahnsinnigen. Eigentlich hätte er kotzen müssen, aber er würde das Zeug vor lauter Ehrgefühl eher herunterschlucken. Ein echter Otze kotzt nicht vom Saufen. Er hatte einen Deal! Er torkelte selbstzufrieden nach draußen und verschwand in der Dunkelheit. Ohne einen Schimmer davon zu haben, was er angerichtet hatte.