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Weltstimme macht rüber

Die Geschichte von Glasgow Kiss ist je nach Interpretation eine Verkettung glücklicher bzw. unglücklicher Zufälle. Ihren Ursprung hat sie in der Weltmetropole Krefeld, denn hier sind vier der fünf Mitglieder von Glasgow Kiss in musikalisch ambitionierten Familien aufgewachsen.

Den Weg in diese für Ihre Musikszene über die Grenzen des Planeten bekannte Stadt musste ein Mitglied aber erst noch finden. Denn wer in Eisenhüttenstadt aufgewachsen ist, hatte bis zum späten Ende der 80er Jahre mit unnötigen Komplikationen bei einer spontanen Ausreise zu rechnen. So und nicht anders erging es unserer ostdeutschen Charakterstimme Matthias Berger.

Berger hatte nämlich im zarten Alter von 14 Jahren bereits fest beschlossen, Rockstar zu werden. Eine Klassenfahrt, auf der die coolen Typen mit der Gitarre alle Weiber abschleppten, bestätigte sein Vorhaben dabei enorm. Er kaufte sich folglich eine verstimmte Kindergitarre und begann fortan vorm Spiegel laut zu Smokie-Songs zu performen. Glücklicherweise gibt es aus dieser Zeit kein übermitteltes Bildmaterial.

Und Berger hatte Geduld, denn er wusste, dass Gott den Schweiß vor den Erfolg gesetzt hat. Und so probte er Tag für Tag, bis er sich zu einem ausgereiften Rythmus-Gitarristen entwickelt hatte. Dieser Prozess wurde nochmal stark beschleunigt, als Berger herausfand, wie man eine Gitarre richtig stimmt.

Nach vier Jahren harter Arbeit schrieb Berger einen Brief an die Regierung. Darin versicherte er, nun über die Fähigkeiten eines internationalen Rockstars zu verfügen und bat um eine Ausreise-Ausnahmegenehmigung. Das politische Weltgeschehen der letzten Jahre war an Berger natürlich komplett vorbei gegangen. Und so staunte er nicht schlecht, als es in dem Antwortschreiben hieß, dass keine Genehmigungen mehr nötig seien, und ob er für die Feierlichkeiten der Silvesternacht irgendwas über „Frieden“ singen könne.

Doch Berger hatte größere Ziele und machte sich pünktlich zur deutschen Wiedervereinigung auf, um sich mit Musikern der Musikmetropole Krefeld zu vereinigen. Dies erwies sich abermals als weise Entscheidung. Den Job für die Silvesternacht hatte nämlich ein durchgeknallter Schauspieler aus Amerika übernommen. Noch heute lacht die ganze Welt über ihn.

B. lässt das trommeln nicht

Zeitgleich zu Bergers musikalischer Entwicklung in Ostdeutschland tat sich im tiefsten Westen noch viel mehr. Etwa die instrumentale Ausbildung des jungen Boderke, der sich in den Kopf gesetzt hatte, alles per „learning-by-doing“ abzufrühstücken. Doch „nix da“ sagten die Kollegen seiner ersten Schülerband namens „Final at the Airport“ – wer auch immer sich das ausgedacht hatte.

Angespornt durch diesen liebevollen Zuspruch machte sich Boderke auf die Suche nach einem geeigneten Lehrer. Es sollte einer sein, dem nicht auffallen würde, dass Boderke sich inzwischen längst eine vollkommen eigene Technik angewöhnt hatte, die niemals wieder heraus zu bekommen war. Eine ausgiebige Theken-Recherche nach dem besten Schlagzeuger Krefelds ergab zwei Namen: Michael Mertens oder Gory Gorissen. Da Boderke die zweite Alliteration lustiger fand, stand er wenig später bei Gorissen auf der Matte, um sich als neuer Rohdiamant der Musikszene zu verkaufen.

Dieser erklärte sich aufgrund des vorgegebenen Talents bereit, ihm rhythmisch unter die Arme zu greifen. Schnell kristallisierte sich nicht nur Sympathie, sondern auch der Anschein heraus, dass man mit Gorissen nach gepflegten Unterrichtsstunden ebenso gepflegt noch bei einem Bier im Stammlokal Dr. Flotte fachsimpeln konnte.

Wie sich im Laufe der Zeit herausstellte, hatte Boderke elementarste Probleme mit der Koordination. Wenn die rechte Hand eine Achtel-Figur auf der Hi-Hat machen sollte, war der rechte Fuß nicht unabhängig davon zu bewegen. Mit Links war es noch viel schlimmer. So stellte sich allein „Walk this way“ von Aerosmith leider schon als unüberbrückbares Hindernis dar. Die Unterrichtseinheiten wurden folgerichtig immer kürzer, die anschließenden Besuche bei Dr. Flotte dafür immer länger. Wenig später wurde der Dienst am Fell komplett quittiert. Das Geplänkel rund um Kneipenbesuche war längst überflüssig geworden.

Trotzdem gelang es dem gewitzten Musiker Boderke, diesen Sachverhalt erfolgreich zu ignorieren und er hielt sich noch ganze sechs Jahre unauffällig als Schlagzeuger in diversen Bands. Danach legte er eine kurze kreative Pause von 16 Jahren ein bis zu seinem großen Comeback bei Glasgow Kiss, wo er es erneut mit Gorissen zu tun bekommen sollte.

Zivile Vereinigung

Wenn es einen Musikgott gibt, hat er die talentierten Musiker spätestens direkt nach ihrem Abitur zusammen geführt. Wie anders sollten wir die schicksalhafte Fügung interpretieren, dass zu jener Zeit Berger, Boderke, Gröters und Ostendorf unabhängig voneinander ihren Zivildienst an der gleichen sozialen Einrichtung – einer Schule für Körperbehinderte absolvierten.

Es dauerte nicht lange, bis sich die Gleichgesinnten zu einer zarten zwischenmenschlichen Bande formierte, wie sie nur unter Menschen mit gegenseitiger Seelenverwandtschaft entstehen kann. Obwohl eine für damalige Verhältnisse eher selten gewählte Daseinsform, bestand die füreinander empfundene Sympathie erstaunlicherweise auch in nüchternem Zustand fort.

Gröters hatte sich als Lead-Gitarrist der anhängigen Zivi-Band bereits einen Namen als echter Rockstar gemacht. Berger wiederum fiel auf durch seine solide Rhythmusgitarre und extraordinäre Stimmfarbe. Der musikalisch vielseitig talentierte Boderke schenkte ausgerechnet und erneut dem Instrument seine Treue, an dem er besagtes Talent nicht wirklich effektiv umsetzen konnte – dem Schlagzeug. Als kompetenter Schlagzeuglehrer und Meister seines Fachs spricht Gory aus Rücksicht auf den orientierungslosen Musiker nur ungerne über diese Zeit.

Ostendorf hingegen machte gewaltige Fortschritte, indem er mittlerweile fehlerfrei „Pitsch Patsch Pinguin“ im morgendlichen Stuhlkreis der behinderten Kinder auf der Gitarre begleiten konnte. Gesanglich überzeugte er über seine unfassbar voluminöse Stimme, mit der er gleichen Stuhlkreis auch jederzeit zusammenschreien konnte.  

Geschmacklich war Ostendorf zu diesem Zeitpunkt zwar noch stark von melancholischen irisch–schottischen Weisen und Freddy Quinn geprägt, aber auch das verzieh ihm sein dankbares Publikum gerne. Während Gröters als Einziger an anhaltende Verträge mit Metal-Bands gebunden war, beschlossen die anderen drei, Ihre mysteriöse Zusammenführung als Ironie des Schicksals zu werten und gründeten 1994 Ihre erste gemeinsame Band: „The Prime of Life“.

Der Lenz des Lebens

Drei Fünftel der heutigen Akustiktruppe Glasgow Kiss gingen also mit der Band „The Prime of Life“ bereits in den 90er Jahren einen gemeinsamen musikalischen Weg. Während Boderke wie gewohnt am falschen Instrument Platz nahm, versuchte sich Ostendorf an der Gitarre als niederrheinisches Pendant zu „The Edge“. Berger, der schon damals als einziger seine musikalischen Talente realistisch einschätzen konnte, war Sänger und spielte die Rhythmus-Gitarre. Mit Sven B. am Bass und Philipp H. am Keyboard war die Band perfekt.

Vor allem hatte man damals noch Ambitionen, nicht nur zu covern, sondern auch eigene Songs zu schreiben. So brachte man Evergreens wie „Here i leave, watch me go“ und „When you ask me what I feel“ auf den Weg, die noch heute bei Konzerten von Glasgow Kiss gefordert, aber nicht gespielt werden. Ein rares Tondokument erinnert an die glorreiche Zeit, in der sich die ambitionierten Musiker als Songwriter auslebten.


When you ask me what I feel




Wie auch immer, die damals noch in Ansätzen vorhandene jugendliche Unbekümmertheit in Verbindung mit einem großen Bekanntenkreis der Bandmitglieder, sorgten für die ein oder andere ausverkaufte Hütte in der Samt- und Seidenstadt. Solchermaßen erfolgsverwöhnt kam es zum ersten Auswärtsspiel in Lippstadt. Die überschaubare Anzahl und gedämpfte Euphorie des Publikums hinterließ tiefe Spuren in den zarten Seelen der Musiker. Obwohl dieser erste Gig vor unbekanntem Publikum nicht gleichzeitig der letzte von „Prime of life“ gewesen sein sollte, war allen klar, dass an diesem Abend etwas verloren gegangen war. Etwas, das nicht zurückzuholen war.Der jugendliche Traum von internationaler Ruhm und Ehre, er war dahin.

Kurz darauf entschlossen sich drei Bandmitglieder, ein neues Leben als Student zu beginnen und begaben sich ins Exil nach Braunschweig, Aachen und Hamburg. Berger und Ostendorf blieben im Zenit Ihres kreativen Schaffens zurück und konzentrierten sich auf ihre beruflichen Karrieren als Sozial-Fuzzis. Hier hatte der Zivildienst deutliche seine Spuren hinterlassen. Doch besonders Ostendorf sollte fortan unter der folgenden musikalischen Durststrecke leiden.

Die Schnapsidee

Über 10 Jahre war es nun her, dass Ostendorf als Sänger und Gitarrist mit „The Prime of Life“ auf der Bühne stand. Während befreundete Musiker mit anderen Bands erfolgreich ihre Passion ausleben konnten, war er auf der Strecke geblieben. So zum Beispiel Gorissen und Berger, die 2003 ein gemeinsames Projekt zusammen mit Bergers damaliger Band Brockman hatten. Die Band produzierte im Rahmen der VW Soundfoundation einen Song im renommierten Studio 301 in Köln, wo bereits Whitney Housten ihre Songs einträllerte. Produzent war kein Geringerer als Scorpions-Gitarrero Matthias Jabs. Berger und Gorissen hatten für den Song alle Gesangsparts aufgenommen. Aber Ostendorf? Keine Band. Kein Gig. Kein Applaus. In solchen Extremsituationen flüchtet der Mensch gerne in den Alkoholismus.

So auch Ostendorf, der ab sofort regelmäßig einen Irish Pub besuchte, um seinem neuen Ersatzhobby zu fröhnen. Hier gab es Live-Musik, Lager Pints und Lagavulin. Ostendorf liebte Lagavulin. Er erinnerte ihn an den Ort auf der schottischen Insel, den er immer als seine wirkliche Heimat bezeichnete. In Wirklichkeit fuhr er aber nur dorthin, um Urlaub zu machen. Er wusste auch nicht, ob er ihn mehr wegen seines Geschmacks, oder wegen seiner Herkunft liebte. Fakt war, dass er ihn soff, und das ordentlich.

Auch an dem schicksalhaften Abend, an dem Ostendorf urplötzlich seinen Kopf vom Tresen erhob und die Wirtin anlallte. Nach mehrfacher Nachfrage der Wirtin wurde irgendwann deutlich, was Ostendorf zu sagen versuchte. Er behauptete, den italienischen Fatzke, der heute für das musikalische Rahmenprogramm gesorgt hatte, locker in die Tasche stecken zu können. Die Wirtin fragte höflich, ob Ostendorf denn noch alle Tassen im Schrank habe und begann, Kasse zu machen. Doch Ostendorf ließ nicht locker sondern erhöhte nur seine Lautstärke, bis an seiner Schläfe die Anstrengungsvenen ihren Verlauf zeigten. 

Er war klar der Ansicht, dass der irische Puff längst mal einen anständigen Musiker gebrauchen könnte. Doch auch die Wirtin wurde deutlicher: „Was? Du willst hier Musik machen? Wie willst du das anstellen, du versoffener Heini? Du kriegst wahrscheinlich nicht einen geraden Ton zustande! Hast du überhaupt eine Band?“

Das hatte gesessen! Ostendorf stand auf, wankte einen Schritt zurück und zauberte augenblicklich den themenrelevanten Hit „Flower of Scotland“ aus seinem Gedächtnisrepertoire. Seine massiven Lungenflügel schoben die Zeilen mit ohrenbetäubenden 120 db durch den Laden. Alles fing an zu wackeln. Die Wirtin musste sich am Tresen festhalten, als sie die Druckwelle erreichte.

Noch in der Schockstarre kramte die Wirtin plötzlich ihren Kalender hervor und gab Ostendorf zu verstehen, dass er in 8 Wochen kommen solle. Da wäre noch ein Termin frei. Er deutete mit seinem Finger auf die Wirtin und lallte: „Bischinachtwochen‘nn!“

Er hatte wieder viel zu viel gesoffen und sein Blick sah aus wie das Stieren eines Wahnsinnigen. Eigentlich hätte er kotzen müssen, aber er würde das Zeug vor lauter Ehrgefühl eher herunterschlucken. Ein echter Otze kotzt nicht vom Saufen. Er hatte einen Deal! Er torkelte selbstzufrieden nach draußen und verschwand in der Dunkelheit. Ohne einen Schimmer davon zu haben, was er angerichtet hatte.

Wechselbad der Gefühle

Als Ostendorf nach dem Abend im Irish Pub erwachte, wurde ihm der desolate Zustand seines Lebens bewusst. Die Beziehung im Arsch, Dispo mal wieder voll ausgeschöpft und jetzt stand zudem ein nicht einlösbares Versprechen im Raum. Wie zum Teufel sollte er ohne Band einen ganzen Abend musikalisch gestalten? Und das Ganze in acht Wochen?

Die Gitarre stand schon lange nur noch als Dekoration in der Wohnung herum. Der letzte verzweifelte Versuch, Eindruck auf die gelegentlichen Damenbesuche in seinem damaligen Domizil zu machen.

Er erinnerte sich wieder an die guten alten Zeiten, in denen er regelmäßig an der Klampfe aktiv war. Damals, Mitte der 90er mit „The Prime of Life“ und seinen Zivi-Kollegen. Jetzt empfand Ostendorf den Bandnamen angesichts seiner aktuellen Situation als boshafte Ironie des Schicksals.

Drei Kaffee, zwei Kippen und ein kaltes Bad sollten Ostendorfs Schwermut mildern. Und während er Platz für seine Beine in der viel zu kleinen Keramik suchte, passierte es auf einmal. Ostendorf schoss eine nahezu brillante Idee durch den Kopf. Vielleicht deshalb, weil sie so nahe lag.

Warum nicht Matthias Berger fragen, dem damaligen Frontmann von „The Prime of Life“. Schließlich waren die beiden ja immer noch dicke Freunde. Und Berger war nach wie vor ein super Sänger und ein harmonisch, sowie rhythmisch vortrefflicher Gitarrist.

Ostendorf sprang augenblicklich aus der Badewanne und rannte tropfend zum Telefon. Fünf Minuten später hatte er Berger von dem ganzen Dilemma mit der Wette aus dem Irish Pub berichtet. Und da Berger nicht nur ein guter Musiker, sondern vor allem ein großartiger Kumpel war, sagte er spontan seine Hilfe zu. Zu diesem Zeitpunkt konnte er ja auch noch nicht ahnen, dass er Ostendorf niemals mehr los werden würde.

Ein Name für den Gig

Mit Berger hatte Ostendorf seinen verloren gegangenen Blues Brother wieder im Boot. Acht Wochen blieben den beiden, um sich auf den bevorstehenden Gig im Irish Pub vorzubereiten. Und es gab viel zu tun. Klar, proben und üben ist wichtig, aber die halbe Miete fährt man schon mal ein, wenn man unter einem knalligen Namen angesagt wird. Ein Bandname musste her. Irgendwas, was direkt auf die Glocke haut.

Während des Brainstormings erinnerten sich Ostendorf und Berger an ihre legendären und mit Ihrem Kumpel Gröters gemeinsam verbrachten Schottlandurlaube. Besonders tief ins Gedächtnis gebrannt hatten sich die feuchtfröhlichen Abende in Glasgow. In manchen der dort frequentierten Kneipen ergab die Gesamtzahl der Zähne des verkehrenden Publikums gerade mal ein komplettes Gebiss.

Der Einladung eines Ian MacFadyen folgend landeten die drei an einem Abend in einem herunter gekommenen Snooker Club, dessen Eingang auf einem ebenso zwielichtigen Hinterhof lag. Der Schuppen wäre jedenfalls die perfekte Location für einen Trainspotting – Dreh gewesen. Und Ostendorf war auch nicht entgangen, dass Ian MacFadyen ironischerweise auch noch aussah wie die dunkelblonde Version von Begbie.

Im Verlauf des Abends kam Lord Berger dann auf die völlig suizidale Idee, eine Diskussion über Religion und Fußball zu beginnen. Ostendorfs Versuche, das Gespräch energisch abzuwürgen verliefen im Sande. Kurze Zeit später lernte der sorglose Berger, was unter dem Begriff „Glasgow Kiss“ zu verstehen ist. Gott sei Dank vorab nur in Form verbaler Aufklärung, denn es handelt sich eher um die unromantische Art und Weise, seiner Zuneigung Ausdruck zu verleihen. Eine Kopfnuss umschreibt den Vorgang am besten. Das war es! Voll auf die zwölf, aber romantisch beschrieben.

Kurze Zeit später traten die beiden Freunde unter dem Namen „Glasgow Kiss“ im Irish Pub auf. Der große Moment war endlich gekommen, wo Ostendorf beweisen konnte, dass er mit daher gelaufenen Musikbarden längst noch mithalten konnte. Und Ostendorf sang sich mit seiner treuen Stütze im Rücken regelrecht in Rage. Song für Song erntete er dafür mehr Applaus, bis die beiden Musiker am Ende des Abends frenetisch von Ihrem Publikum gefeiert wurden. Das war es, worauf Ostendorf ab sofort nie wieder verzichten wollte. Er hatte es geschafft. Er war wieder da!

Gorissen gibt Gas

Nach dem furiosen Gig im Irish Pub war den beiden Musikern sofort klar, dass sie an diese Erfolgsgeschichte anknüpfen wollten. Ihre Stimmen harmonierten und taugten für jede Bühne. Wenn es Defizite gab lagen diese eher im instrumentalen Bereich. Vor allem Ostendorf war nicht als Timing-Monster bekannt, denn seine hyperaktive Persönlichkeit übertrug sich eins zu eins auf die Rhythmik seines Gitarrenspiels.

Sein Tempo unterlag ähnlichen Schwankungen wie das Wetter an der schottischen Westküste an einem typischen April Tag. Seine Rhythmik erinnert zeitweise an kleine Hundewelpen, die auf einer Frühlingswiese Schmetterlingen hinterher jagen. Eins war also sicher: es musste eine stramme Takt-Lösung her. Und da gab es musikalisch wie menschlich genau einen Wunschkandidaten: Gory Gorissen – der beinharte Rhythmus–Assassin.

Gorissen war nicht nur ein erstklassiger Drummer, sondern konnte auch gesanglich ordentlich einen raushauen. Das Problem war lediglich, ob Gorissen Zeit und vor allem Bock haben würde, neben seinen vielfältigen musikalischen Verpflichtungen Entwicklungshilfe bei zwei Altrockern zu leisten.

Da Gorissen aber grundsätzlich nicht nein sagen kann, wenn sich mehrere Leute zum Mucke machen und Labern zusammentun, sagte er zumindest für eine Probe zu und die drei trafen sich in Bergers Bude. Zum großen Erstaunen aller Beteiligten schien Gorissen jedoch Spaß an der Sache zu haben. Wahrscheinlich, weil sich Berger und Ostendorf ohne große Gegenwehr voll labern ließen. Er kam, sprach und groovte.

Anfangs noch eher zurückhaltend mit Solobeiträgen mutierte Gorissen im Lauf der Zeit zu einem echten Frontschwein am Mikrofon, wobei seine Bandkollegen ihm tatsächlich die Stücke vorschlagen durften. Sein Eintritt in Krefelds älteste Boygroup war sicherlich ein Meilenstein der Bandgeschichte von Glasgow Kiss und gab dem ganzen Projekt einen mächtigen Schub nach vorne.

Und nun, Herr Schröder?

Mit Gorissen stand das solide Grundgerüst, doch die musikalische Baustelle bei Glasgow Kiss war noch lange nicht abgeschlossen. Wer konnte die technischen Defizite im Gitarrenspiel auffangen? Berger hatte eine gute Rhythmik, aber es musste jemand her, der die Songs mit filigranen Soli veredeln konnte.

Ganz klar, es musste ein weiterer Gitarrist her, einer mit wieselflinken und kraftvollen Flossen. Und wo man ohnehin dabei ist, alte Weggefährten zu akquirieren, liegt ein Name geradezu auf der Hand. Bernd Gröters, ehemaliger Zivildienst-Kollege, Freund und Teilnehmer an den diversen, legendären Schottlandtrips mit Berger und Ostendorf.

Der langhaarige Sympathieträger war zwar als Flitzefinger bekannt, nichtsdestotrotz hatte er stets einen äußerst breiten musikalischen Horizont. Erst kürzlich hatte er bei den „Fools“, einer anderen Krefelder Akustiktruppe ausgeholfen. Dort hatte er mit dem legendären Rainer Rindermann einen hervorragenden Mentor an der Westerngitarre.

Doch ein immenses Problem machte Gröters Akquise fast unmöglich. Der scheue Musiker wohnt unter dem Namen „Schröder“ abseits der Zivilisation in Krefeld-Hüls. Würde er die beschwerliche Reise zu den Proben ins  Krefelder Zentrum auf sich nehmen? Schaudernd dachte der Rest der Band an den Mottospruch der kleinen, in sich geschlossenen Hülser Gemeinde: „You can check out any time you want, but you can never leave“.

Außerdem spielte der zurückgezogene Saitenvirtuose in einer Heavy-Metal-Cover Band namens „Lewinsky“. Auf den von Ostendorf geplanten weibischen Sound würde er sicherlich keinen Bock haben. Aber wozu ist man schließlich jahrelang mit dem Burschen befreundet?

Und so packten Berger und Ostendorf den sogenannten Herrn Schröder über die stark ausgeprägte nostalgische Seite seiner Persönlichkeit. Sie erinnerten ihn an die glorreichen Zeiten und die Lagerfeuer in den Highlands. Zudem war der bereits bestehende Name „Glasgow Kiss“ auch seine Geschichte. Am Ende hatten sie ihn weichgekocht und Ostendorf den nächsten musikalischen Meilenstein erreicht für sein Musiker-Casting unter Freunden. Langsam entstand so etwas wie eine richtige Band.

Die Selbstverpflichtung

Ostendorfs Akquise-Tätigkeiten hatten sich gelohnt. Er hatte es geschafft, innerhalb kürzester Zeit eine Truppe fähiger Musiker um sich herum aufzubauen, die gleichzeitig allesamt miteinander befreundet waren. Ab sofort durfte außerdem der Proberaum der professionellen Cover-Band „Planet Five“ mit genutzt werden, in der Gorissen Teil ist. So stand schnell ein erstes vollständiges Set, um einen ganzen Abend in der Kultkneipe „Jazzkeller“ gestalten zu können.

 

Diesen frühzeitlichen Auftritt von Glasgow Kiss besuchte auch Sammy Boderke, der mittlerweile fertig studiert hatte und längst ins Rheinland zurück gekehrt war. Er hatte sich standesgemäß ausgelebt und sich mit einer Filmproduktion selbständig gemacht. Musikalisch war er soweit gereift, dass er sein Schlagzeug längst verkauft hatte und sich freizeitlich mit der Produktion elektronisch erzeugter Musik über Wasser hielt. Mit einem echten Instrument auf der Bühne gestanden hatte er selbst schon seit 15 Jahren nicht mehr.

 

Doch was Boderke an diesem Abend sah, sollte ihn nicht mehr loslassen. Da standen doch tatsächlich zwei seiner ehemaligen Bandkollegen zusammen mit seinem ehemaligen Schlagzeuglehrer und seinem ehemaligen Zivildienst-Kollegen auf der Bühne und lieferten ein erstklassiges Bühnenprogramm ab. Besonders beeindruckte Boderke der mehrstimmige Gesang, der fast alle Songs zum Hörerlebnis machte.

 

Als der Schlussakkord verklungen war wusste der zielstrebige Boderke genau, dass nun die Zeit zum Handeln gekommen war. Gleichzeitig fiel ihm ein Stein vom Herzen, dass die Position des Schlagzeugers mit Gorissen derart stark besetzt war, dass mit traditionellen Fehlbesetzungen nicht zu rechnen war. Nein, was der Band fehlte war ganz klar der Bass. Und ganz ehrlich, ein Bass gehört nun wirklich in jeden Song rein.

 

Die Strategie lag also auf der Hand. Bevor Ostendorf die Band durch einen Bassisten komplettieren konnte, brachte sich Boderke durch geschickte Argumentationen selbst ins Spiel. Sicherlich, er hatte noch nie in seinem Leben Bass gespielt bzw. einen besessen. Aber allein die Tatsache, dass er schließlich auch mit allen Bandmitgliedern befreundet sei und sogar eine fünfte ordentliche Stimme mitbringen könne reichten allen Beteiligten aus, um den vielseitigen Hobbymusiker augenblicklich in die Band aufzunehmen. Als Gegenleistung kaufte Boderke einen Akustik-Bass, der heute gerne mal bandintern herum gereicht wird.